{"id":73607,"date":"2020-07-30T14:16:04","date_gmt":"2020-07-30T12:16:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.iemj.org\/attitude-rabbinique-envers-la-musique\/"},"modified":"2021-12-02T17:08:38","modified_gmt":"2021-12-02T16:08:38","slug":"attitude-rabbinique-envers-la-musique","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.iemj.org\/de\/attitude-rabbinique-envers-la-musique\/","title":{"rendered":"RABBINISCHE HALTUNG ZUR MUSIK"},"content":{"rendered":"<p>Es finden sich viele Berichte \u00fcber die rabbinische Haltung zur Musik, in der talmudischen, midraschischen und rabbinischen Literatur.<\/p>\n<p>Bereits zu Beginn der talmudischen Zeit, kann eine reservierte Haltung, welche manchmal bis zur vollkommenen Ablehnung einer jeden musikalischen Darbietung geht, beobachtet werden. Der Hauptgrund f\u00fcr diese Haltung, sieht sich in der Trauer infolge der Zerst\u00f6rung des Tempels im Jahr 70 n Chr. begr\u00fcndet. Es erscheint wahrscheinlich, dass dieser Vorbehalt, das starke Gef\u00fchl der Trauer der j\u00fcdischen Autorit\u00e4ten in der tannaitischen Periode (70 \u2013 ca. 230 n. Chr.) und damit zeitlich nahe des historischen tragischen Ereignisses verortet, welches die Trauer hervorrief, zum Ausdruck brachte. Die Erinnerung an diesen Moment der nationalen Trauer sowie die damit verbundene Einschr\u00e4nkung der musikalischen Praxis blieb infolgedessen, \u00fcber das gesamte Mittelalter hinweg, bis zur Neuzeit bestehen. Dieser Beweggrund findet sich in Maimonides (1170-80) Kodex und sp\u00e4ter dann, in der letzten rabbinischer Kodifikation, dem Shulhan &#8218;ar\u00fbk von Joseph Caro, wieder, welches als Regelwerk des Judentums der Diaspora dient und welches auf Mitte des 16. Jahrhunderts zu datieren ist. Es kann eine Intensivierung des Prinzips der Einschr\u00e4nkung der Musikpraxis, infolge von sich ereignenden lokalen Katastrophen in einigen j\u00fcdischen Gemeinschaften, beobachtet werden. Dies gilt insbesondere f\u00fcr Osteuropa, nach den entsetzlichen Massakern an Juden, durch den Kosakenhetman Chemelnyzkyj, im Jahr 1648.<\/p>\n<p>Neben diesen Gr\u00fcnden, welche auf historischen Ereignissen basieren, begr\u00fcndet sich die Hauptlehre \u00fcber die Musik, auf der Grundlage von ethischen \u00dcberlegungen. Diese \u00dcberlegungen haben wenig mit der griechischen Ethos-Lehre gemein, welche aber dennoch \u00fcber die arabischen Theoretiker in die Schriften einer Reihe von j\u00fcdischen mittelalterlichen Autoren, darunter auch f\u00fchrende rabbinischer Autorit\u00e4ten, Eingang fanden. Die talmudische Lehre, wie sie in den verschiedenen Zitaten von Gelehrten des Talmud und des Midrasch zum Ausdruck kommt, befasst sich fast ausschlie\u00dflich mit dem funktionalen Charakter von Musik, wirklich akzeptiert und bef\u00fcrwortet wird allein Musik, welche einer religi\u00f6sen Funktion dient; bestimmte Arten von Arbeitsgesang werden geduldet, w\u00e4hrend andere, f\u00fcr z\u00fcgellos befundene Arten, verboten werden, ebenso wie \u2013 in unterschiedlichem Ma\u00dfe \u2013 alle weltliche musikalischen Praktiken, deren frivoler und sinnlicher Charakter als unvereinbar mit den Bed\u00fcrfnissen des den Juden obliegenden heiligen Lebens, erachtet wird.<\/p>\n<p>Dieser grundliegenden Unterscheidung zwischen religi\u00f6ser Musik, &#8211; die einzig erlaubte \u2013 und weltlicher Musik, die generell verboten ist, schlie\u00dfen sich einige Abstufungen an: so scheint in der weltlichen Musikpraxis, die Instrumentalmusik strenger verurteilt zu werden als Vokalmusik; au\u00dferdem sprechen sich die rabbinischen Autorit\u00e4ten, welche besonders um die Gefahr der Ausschweifung im Rahmen von Festmahlen besorgt sind, gegen den weiblichen Gesang aus.<\/p>\n<p>Rabbinischen Quellen, welche auf den Talmud folgen, best\u00e4tigen und pr\u00e4zisieren diese funktionale Unterteilung der Musik, je nachdem ob sie einem s\u00e4kularen oder religi\u00f6sen Zweck dient, ohne sich dabei mit der musikalischen \u201eSprache\u201c zu befassen.\u00a0 Im wichtigen talmudischen Kompendium des Nordafrikaners Isaac Alfasi (1013-1103) wird den Entscheidungen der Leiter der babylonischen Akademien, eine entscheidende Autorit\u00e4t beigemessen. Diese offizielle Stellungnahme, welche die Musik als \u201eGesang zum Lob Gottes\u201c anerkennt, wurde zum Gesetz und sp\u00e4ter oft von den Verteidigern der religi\u00f6sen Musikpraxis, den \u201ebigotten\u201c Kritikern dieser Praxis entgegengesetzt.<\/p>\n<p>Maimonides (1135-1204), dessen ablehnende Haltung gegen\u00fcber der musikalischen Praxis oft erw\u00e4hnt wird, wollte sich in seinem ber\u00fchmten Responsum \u00fcber die Musik \u2013 in welchem er auch eine Passage von Alfasi zitiert \u2013 keinesfalls gegen die religi\u00f6se Musikpraxis aussprechen.\u00a0 Was er zu Beginn seiner Antwort auf die Frage, ob es erlaubt sei, arabische Lieder zu singen und generell, ob es erlaub sei Musik zu spielen, deutlich macht ist ein radikales Verbot jeglicher Musikpraxis, egal ob vokal oder instrumental, \u201emit Ausnahme des Gebets, [bei welchem die Musik] die Seele in Freude und Trauer unterst\u00fctzt und erweckt\u201c. W\u00e4hrend Maimonides in seinem gro\u00dfen Mishneh T\u00f4rah Kodex auf die Trauer um die Zerst\u00f6rung des Tempels hinweist, wird sie hier nicht erw\u00e4hnt. Der Grund f\u00fcr seine Ablehnung weltlicher Musik war die Forderung, dass Israel ein \u201eheiliges Volk\u201c sein m\u00fcsse. Jede T\u00e4tigkeit, welche nicht diesem Ziel dient, sei daher zu verbieten. Die bereits in der talmudischen Literatur festgestellten Abstufungen der Wertsch\u00e4tzung verschiedener Former der Musikpraxis finden sich hier wieder, doch sind noch keine Hinweise auf eine innere Differenzierung, hinsichtlich der musikalischen \u201eSprache\u201c vorhanden. Nachdem er darauf hinweist, dass es keinen Unterschied zwischen dem Gebrauch der hebr\u00e4ischen und dem Gebrauch der arabischen Sprache gibt und dass das einzige Kriterium, welches \u00fcber Zul\u00e4ssigkeit oder Verbot einer Musikpraxis entscheidet, die (die religi\u00f6se oder weltliche) Funktion dieser Praxis sei, \u201edas zu erreichende Ziel\u201c, z\u00e4hlt Maimonides die f\u00fcnf Verbote auf, welche der weltlichen Musikpraxis innewohnen und welche zweifellos so verstanden werden m\u00fcssen, dass sie vom kleinsten zum gr\u00f6\u00dften Verbot reichen:<\/p>\n<ol>\n<li>Der weltliche Text an und f\u00fcr sich;<\/li>\n<li>Vokalgesang;<\/li>\n<li>letzterer mit Instrumentalbegleitung;<\/li>\n<li>letztere mit Weinverkostung;<\/li>\n<li>weiblicher Gesang.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Je nach Region, Zeit und Lebensumst\u00e4nden in den verschiedenen j\u00fcdischen Gemeinschaften, werden die Begriffe \u201ereligi\u00f6se Musik\u201c und \u201eweltliche Musik\u201c mehr oder weniger breit ausgelegt.<\/p>\n<p>Generell l\u00e4sst sich feststellen, dass diese von Rabbinern akzeptierte Musikpraxis nie auf die Liturgie im eigentlichen Sinne beschr\u00e4nkt war. Bei Festen und Banketten, welche mit einer religi\u00f6sen Vorschrift (\u201ese\u2019uddat miswah\u201c) einhergingen, besonders bei Beschneidungen, Hochzeiten oder zu Purim, war Musik nicht nur erlaubt, sondern geradezu vorgeschrieben. Da jederlei kulturelle Veranstaltung in einem j\u00fcdischen Umfeld, eines religi\u00f6sen Charakters bedarf, um als rechtm\u00e4\u00dfig anerkannt zu werden, \u00f6ffnete das Fehlen strenger rabbinischer Vorschriften den Musikliebhabern der verschiedenen j\u00fcdischen Gemeinschaften die T\u00fcren, um Musik nach ihrem Geschmack und entsprechend ihrer musikalischer M\u00f6glichkeiten spielen zu k\u00f6nnen. Interessant ist auch das Fehlen von Vorschriften f\u00fcr das was im Gottesdienst \u201eMusik\u201c genannt wird, was je nach Region und Zeit den stilisierten Gesang des Hazzan (Kantor) mit oder ohne Mesh\u00f4rer\u00eem, den Einsatz von Ch\u00f6ren oder sogar Instrumente, schlichtweg Kunstmusik, betrifft.<\/p>\n<p>Es ist dar\u00fcber hinaus noch ein weiterer allgemeiner Punkt zu erw\u00e4hnen, welcher eine reservierte rabbinische Haltung gegen\u00fcber der Musikpraxis begr\u00fcndet. Das Bestreben, Juden vor jeglicher Art von \u201efremdem Kult\u201c (\u201aAvodah Zarah) zu bewahren, wurde in der rabbinischen Gesetzgebung durch das Verbot der Aus\u00fcbung des \u201enichtj\u00fcdischen Brauchs\u201c (Huqqat hag-g\u00f4y) verst\u00e4rkt. Die Anpassung der Musik an einen solchen Huqqat Hag-g\u00f4y, ist vor allem im christlichen Abendland zu bemerken, wo die Entwicklung der Musik im Mittelalter, eng mit der Kirche verbunden war. Ein Beispiel f\u00fcr diese reservierte Haltung, welche die \u201eMusik\u201c nicht um ihrer selbst willen ablehnt, sondern vielmehr die Furcht vor der Bevorzugung oder gar Ann\u00e4herung an einen \u201efremden Kult\u201c zu Ausdruck bringt, findet sich im Responsum des deutschen Talmudisten Isra\u00ebl Isserlein (1390-1460): Auf die Frage, ob der Verkauf \u201eunanst\u00e4ndiger\u201c B\u00fccher an einen Kleriker zul\u00e4ssig sei, antwortet Isserlein: Wenn der j\u00fcdische Verk\u00e4ufer wei\u00df, dass es sich um \u201eeines dieser B\u00fccher handelt, welches andere Kulte f\u00fcr den Gesang und den Gottesdienst verwenden\u201c, sei dieser Verkauf unzul\u00e4ssig; wenn der Verk\u00e4ufer hingegen nicht \u00fcber die Natur des Buches in Kenntnis ist, sei der Verkauf zul\u00e4ssig, weil es wahrscheinlich sei \u2013 und die Wahrscheinlichkeit reicht in einem solchen Fall aus \u2013 dass das Buch zu \u201eder Mehrzahl der B\u00fccher\u201c und damit zu den Werken der Jurisprudenz, der Medizin, der mathematischen Wissenschaften oder der Musik zu z\u00e4hlen sei. Es wird die extreme Sorgfalt deutlich, mit welcher hier darauf geachtet wird, auch nur den Hauch eines j\u00fcdischen Beitrags zum christlichen Gottesdienst zu vermeiden, dessen Erw\u00e4hnung automatisch mit der Musikpraktik des \u201efremden Kultes\u201c in Verbindung gebracht wird, offensichtlich hat dies nichts mit einer Abneigung gegen die Musik zu tun, denn in derselben Quelle, wird der Handel mit einem musikalischen Traktat, welches keine ersichtliche Verbindung mit dem \u201efremden Kult\u201c besitzt, f\u00fcr rechtm\u00e4\u00dfig erkl\u00e4rt. Dieses rabbinische Anliegen, den Judaismus so weit wie m\u00f6glich vor dem Kontakt mit \u201efremden Kulten\u201c zu bewahren, kommt noch klarer zum Ausdruck, wenn es darum geht, die Entlehnung fremder, insbesondere kirchlicher Melodien f\u00fcr den Gebrauch im Synagogengottesdienst zu bek\u00e4mpfen. Es gibt Belege f\u00fcr solche Praktiken (im doppelten Sinne: Kirche-Synagoge, Synagoge-Kirche), welche im dreizehnten Jahrhundert im Rheinland, den Protest des Autoren von dem \u201eBuch der Gerechten\u201c hervorrief. Es ist dar\u00fcber hinaus eins der wichtigsten Themen der Literatur des 17. und des 18. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Artikel aus dem Buch: <em>La Pratique musicale juive en Europe. <\/em><em>Tome I.\u00a0La Pratique musicale savante dans quelques communaut\u00e9s juives en Europe aux XVIIe et XVIIIe si\u00e8cles\u00a0\u2013 Isra\u00ebl Adler<\/em>, pp 10 \u2013 14, 1966<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.iemj.org\/de\/adler-israel-1925-2009\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Lesen Sie die Biografie von Isra\u00ebl Adler<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es finden sich viele Berichte \u00fcber die rabbinische Haltung zur Musik, in der talmudischen, midraschischen und rabbinischen Literatur. 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