LIFSHITZ, Nehama (1927–2017)

Die Sopranistin Nehama (auch Nechama) Lifshitz (1927–2017) wurde als „die jüdische Nachtigall“ bekannt und zählt zu den großen Persönlichkeiten der jüdischen kulturellen Renaissance des 20. Jahrhunderts. Mit ihren Interpretationen jiddischer und hebräischer Lieder ließ sie in der Sowjetunion eine Stimme erklingen, die für viele Juden zu einem Symbol für Identität, Erinnerung und Hoffnung wurde.

Sie wurde 1927 in Kaunas, Litauen, in eine zionistische jüdische Familie geboren, die der Kultur eng verbunden war. Ihr Vater, Yehuda-Hirsch Lifshitz, war Arzt, Lehrer und Geiger und verkörperte das Ideal eines reichen intellektuellen und künstlerischen Lebens. Ihre Mutter, Batya, sang zu Hause ständig und weckte so schon früh die Liebe zur Musik in ihrer Tochter. Vor dem Zweiten Weltkrieg besuchte Nehama das hebräische Gymnasium in Kaunas.

Als der Krieg ausbrach und die Region von Nazi-Deutschland überfallen wurde, floh sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester nach Osten und fand in Usbekistan Zuflucht. Ein Großteil ihrer in Litauen zurückgebliebenen Familie wurde während des Holocaust ermordet, insbesondere in den Ghettos von Vilnius und Kaunas sowie in der Neunten Festung in der Nähe von Kaunas.

Nehama’s Eltern

Nach dem Krieg kehrte die Familie nach Litauen zurück. Nehama Lifshitz setzte daraufhin ihr Musikstudium am Konservatorium von Vilnius fort. Mit einer außergewöhnlichen Sopranstimme gesegnet, begann sie schon bald eine Karriere als Solistin, trat am Opernhaus in Kaunas auf und trat 1953 dem Litauischen Philharmonischen Orchester bei.

Ab 1956 begann sie, auf Jiddisch zu singen. Diese künstlerische Entscheidung hatte im sowjetischen Kontext, in dem der öffentliche Ausdruck jüdischer Kultur stark eingeschränkt war, eine besondere Bedeutung. 1958 gewann sie den ersten Preis für Gesang beim Musikwettbewerb der Sowjetunion in Moskau. Von da an unternahm sie zahlreiche Tourneen durch die Sowjetunion und Europa.

Ihre Konzerte ziehen ein großes jüdisches Publikum an, das in ihrem Repertoire eine kulturelle und spirituelle Selbstbehauptung erkennt. Nach und nach wird Nehama Lifshitz zu einer Symbolfigur für die sowjetischen Juden. Durch ihre Musik bringt sie ihre Verbundenheit mit ihrer Identität und ihren Wunsch, nach Israel auszuwandern, zum Ausdruck. In diesen Jahren arbeitet sie zudem heimlich mit der israelischen Botschaft in Moskau zusammen, wodurch sie sich in eine heikle Lage gegenüber den sowjetischen Behörden bringt.

1964 begann sie, auf der Bühne offen auf Hebräisch zu singen – eine Geste von großer symbolischer Bedeutung in einem politischen Kontext, der von Überwachung und Misstrauen gegenüber jeglichem Ausdruck nationaler oder religiöser Eigenheit geprägt war.

1969 verließ sie schließlich Litauen und wanderte nach Israel aus. In ihrer neuen Heimat setzte sie ihre künstlerische Tätigkeit fort und trug durch ihre Interpretationen von Liedern auf Jiddisch und Hebräisch zur Bereicherung des israelischen Musikrepertoires bei. Sie sang auch Lieder, die mit den jüdischen Dissidenten der Sowjetunion in Verbindung standen, insbesondere mit den Gefangenen von Zion und den Refusniks.

Ihr Engagement für die jiddische Kultur setzt sich auch im pädagogischen Bereich fort. So gründete sie 1998 einen Workshop für jiddischen Gesang und jiddische Poesie, um dieses Erbe an jüngere Generationen weiterzugeben. Die dort entwickelte Methode basiert auf einem ganzheitlichen Ansatz, der Musik, Poesie und Geschichte miteinander verbindet, um den ganzen Reichtum dieser Kultur wiederzugeben, die über einen Zeitraum von fast tausend Jahren entstanden ist.

Von links nach rechts: Isaac Bashevis Singer, Nechama, Abba Kovner, Reuven Rubin, Abraham Sutzkever und Estera Rubin

1994 feierte die israelische Rundfunkbehörde den 25. Jahrestag ihrer Ankunft in Israel mit einer Sendung. Im Jahr 2004 wurde ihr von der Stadt Tel Aviv der Titel „Geliebte von Tel Aviv” verliehen. 2006 wurde sie zur Präsidentin des Weltverbandes für jiddische Kultur gewählt.

Ihr ganzes Leben lang widmete Nehama Lifshitz ihre Arbeit der Bewahrung und Weitergabe der jiddischen Kultur, die von den totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts – dem von Adolf Hitler und dem von Josef Stalin – zu tilgen versucht wurde. Mit ihrer Stimme, ihrem Engagement und ihrer Lehrtätigkeit leistete sie einen wesentlichen Beitrag zur Bewahrung dieses Erbes und zu dessen Wiedereingliederung in die zeitgenössische Kultur Israels.

Yad Vashem, 1988
Theo Bikel & Nechama Lifshitz, 1969 New York
Fernsehaufzeichnung der Musiksendung „Die Melodien aus dem Haus meines Vaters” mit Nehama Lifshits. Tel Aviv, 1990er Jahre. Die Sendung umfasst Erzählungen und Lieder auf Jiddisch und Hebräisch. Die Übersetzung der Untertitel erfolgte durch Roza Litay, die Tochter von Nehama. Die Aufzeichnung stammt aus dem Familienarchiv von Nehama Lifšicaitė (Lifshitz).

Quellen: Unser Dank gilt Roza Litay, der Tochter von Nehama Lifshitz, für die zahlreichen bereitgestellten Dokumente und Informationen.

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