BEREGOWKI, MOISSEI JAKOWLEWITSCH (1892–1961)

Ethnomusikologe, Spezialist für jüdische Musik aus Osteuropa

Moissei Beregowski wurde 1892 in der Ukraine geboren. Er ist von früher Kindheit an in der liturgischer Musik aufgewachsen, da sein Vater Lehrer an der jüdischen Musikschule in Kiew und Ba’al Kore (zuständig für die biblische Kantillation der Tora) in der Synagoge war.

1905, im Alter von 13 Jahren, ging Moissei nach Kiew, um Musiktheorie und Cello zu studieren. Zwischen 1915 und 1920 arbeitete er sich in der Komposition am Kiewer Konservatorium mit Boleslaw Jaworski, und ab 1922 mit Maksimilyan Steynberg ein. Zur selben Zeit unterrichtete er Musik an mehreren jüdischen Schulen zwischen 1916 und 1922 und leitete den Chor der Kiewer Gesellschaft für jüdische Musik.

beregovski.jpg1917 wurde er eingestellt, um die Tonaufnahmen der zweiten ethnografischen Expedition von Salomon An-ski zu analysieren und zu katalogisieren. 1919 gründete und leitete er den musikalischen Zweig der Jewish Kultur-Lige (Gesamtheit der kulturellen und sozialen Organisationen zur Förderung der jiddischen Kultur) in Kiew, bis diese 1921 geschlossen wurde.

Nach der Encyclopedia Judaica und der Website des YIVO leitete Beregowski zwischen 1930 und 1948 das Kabinett für jüdische Volksmusik in der ethnografischen Abteilung des Instituts für proletarisch-jüdische Kultur in Kiew. Diese Behauptung wird jedoch von dem Musikwissenschaftler Joachim Braun in seinem Buch Jews and Jewish Elements in Soviet Music (1978) in Frage gestellt. Unter Berufung auf ein autobiografisches Manuskript Beregowskis behauptet Braun, dass Beregowski bis 1936 das Kabinett für jüdische Volksmusik geleitet hätte, dann hätte er in der Folkloreabteilung des Kiewer Konservatoriums gearbeitet und schließlich von 1941 bis 1949 die Leitung der Unterteilung für Volksmusik in der Abteilung für jüdische Kultur an der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften übergenommen.

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Präsidium des Instituts für proletarisch-jüdische Kultur, Kiew, 1934. Moissei Beregowski steht in der hinteren Reihe, vierte Person von links. (YIVO)

p_1235_003_280px_vertic.jpgWie dem auch sei besaß 1946 Beregowski eine Sammlung von fast 7000 ethnographischen Dokumenten, die sowohl Manuskripte und Aufnahmen der Kultur-Lige, von An-skiEngel und Kisselgof als auch seine eigenen Feldaufnahmen umfasste (während seinen Expeditionen nach Kiew, Odessa, Mykolajiw, Dnipropetrowsk, Saporischschja und Winnyzja sowie in Galizien hatte er mehr als 2000 Aufnahmen auf 700 Wachszylindern gesammelt).

1949 wurde die Abteilung für jüdische Kultur geschlossen, Beregowski wurde verhaftet und nach Taischet geschickt, dem Verwaltungszentrum des Gulags, wo er von 1951 bis 1955 blieb.

1956 wurde er „rehabilitiert“ und kehrte nach Kiew zurück, wo er am 12. August 1961 starb.

Zwischen den 1930er und 1950er Jahren machte sich Beregowski an der Veröffentlichung einer fünfbändigen Anthologie jüdischer Volksmusik, die auf seinen Feldaufnahmen basierte.

p_1235_002_500_px.jpgDer erste Band, Lieder jüdischer Arbeiter und Revolutionäre, wurde 1934 veröffentlicht; Der zweite Band, Jüdische Volkslieder, wurde 1938 fertiggestellt, aber nie veröffentlicht. (Entwürfe dieser Sammlung mit Beregowskis Handschrift wurden 1981 im YIVO in New York gefunden). Dieser Band enthält übrigens eine lange Einleitung von Beregowski, in der er unter anderem behauptet, dass „es nicht eine einzige jüdische Volksmusik gibt, die in Bezug auf Inhalt, Thema oder Ausdruck einheitlich ist“; Der dritte Band, Jüdische Folklore-Instrumentalmusik, wurde erstmals 1987 von Max Goldin in einer leichteren Version herausgegeben und 2001 von Max Slobin in englischer Sprache neu veröffentlicht; Der vierte Band befasst sich mit wortlosen jüdischen Melodien oder Niggunim [1999]; Der fünfte Band behandelt jüdische Theateraufführungen und „Purim-shpils“ [unvollständige Version, 2001]

Im Gegensatz zu den Theorien von Abraham Zvi Idelsohn und Lazare Saminsky, die nach einer ursprünglichen jüdischen Musik suchen, vertritt Beregowski die Ansicht, dass „entliehene Elemente“ aus den umgebenden Diasporakulturen freiwillig und nicht auf Kosten der jüdischen Folklore umgewandelt und in diese integriert werden. Seiner Meinung nach sollte die Integration von „entliehenen Elementen“ nicht als fremde, exogene Zusätze gesehen werden, sondern vielmehr als eine natürliche Entwicklung, die die Anpassungs- und Entwicklungsfähigkeit der jüdischen Musik beweist.

Die Beiträge von Beregowski sind bis heute ein unverzichtbarer Schritt für jede Forschung über die musikalischen Traditionen Osteuropas.

Quellen:
YIVO
JMRC
Yiddish Lexicon

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