Cheikh Raymond (1912-1961)

Cheikh Raymond ist ein Meister der arabisch-andalusischen Musik und ein Symbol für die jüdisch-arabische Brüderlichkeit, welche zwischen den 1930er und den 1950er Jahren zum Ausdruck kam. Seine Ermordung durch die FNL im Jahr 1961 kennzeichnete den Beginn des großen Weggang der jüdischen Gemeinschaft, einerseits aus der Stadt Constantine und allgemeiner aus Algerien.

Raymond Leyris wurde 1912 als Sohn eines aus Batna, der Hauptstadt des Aurès stammenden Vaters und einer französischen Mutter geboren. Seine Mutter gab ihn, nachdem sein Vater an der Somme-Front während des Ersten Weltkriegs gefallen war, ab und er wurde schließlich von einer sehr armen, religiösen jüdischen Familie adoptiert.

Von der Musik angelockt, übte er sich im Malouf, gemeinsam mit den Cheikhs Omar Chaklab und Abdelkrim Bestadji. Der Malouf ist die konstantische Form der Kunstmusik in der arabisch-andalusischen Musiktradition. Als geteiltes Erbe von Muslimen und Juden, feiert der Malouf die höfische Liebe und den Impetus zu Gott. In Nordafrika und im gesamten arabisch-muslimischen Raum wurde diese Musik lebendig gehalten, jedoch haben die erlernten Modi, aufgrund einer im Wesentlichen mündliche Überlieferung zu zahlreichen Verlusten geführt. Die Instrumente des Malouf sind die Laute, die Zither und die Oud, das Tamburin, die Bratsche und die Beduinenflöte, letztere ist typisch für Constantine.

Allmählich wurde Cheikh Raymond seinen Lehrmeistern ebenbürtig und wurde sowohl von algerischen Juden als auch Muslimen geschätzt, welche ihn ab Mitte der 1930er Jahre als Zeichen des Respekts „Cheikh Raymond“ nannten. Als Oud-Virtuose (eine arabische Laute) spielt er auf jüdischen und muslimischen Familienfesten und auf Konzerten; er hatte außerdem eine wöchentliche Radiosendung, sowie eine regelmäßige Fernsehsendung und nahm zwischen 1956 und 1961 etwa dreißig LPs auf, zusätzlich zu zahlreichen Schallplatten. Zu seinem Orchester gehörten Nathan Bentari, Haïm Benbala, Larbi Belamri, Abdelhak, aber auch der Geiger Sylvain Ghrenassia und dessen Sohn Gaston, ein Gitarrist, welcher später Cheikh Raymonds Tochter Suzy heiratete und unter dem Namen Enrico Macias berühmt wurde.

Am 22. Juni 1961 wurde Cheikh Raymond von der FNL mit einer Kugel in den Nacken ermordet, als er gerade zum Einkaufen im Souk von Constantine war. Sein Tod wurde von den 40000 Juden von Constantine (das war fast die Hälfte der Stadtbevölkerung) als endgültige Zäsur empfunden, welche die Unmöglichkeit eines Verbliebs in Algerien offenbarte.

Cheikh Raymonds Musik blieb dank des Einsatzes seines Sohnes Jacques Leyris, Enrico Macias und des Professoren Raphaël Draï (zal) erhalten. Letzterer war in den 1970er Jahren der erste, der sein Andenken wiederbelebte. Der Musiker und Musikwissenschaftler Taoufik Bestadji ist der Enkel von Cheikh Abdelkrim Bestadji, hat außerdem auch die von seinem Vater aufbewahrten Aufnahmen studiert.

1999 würdigte ihn Enrico Macias auf der Bühne des Centre culturel algérien de Paris und im Printemps de Bourges, mit einem von Bestandji geleiteten Orchester.

2011 veröffentlichte Bertrand Dicale eine Biografie über Cheikh Raymond, welche von einer Anthologie seiner Lieder, welche bei Universal erschienen sind, ergänzt wurde. Die bedeutendste bis dahin verfügbare Aufnahme, war die eines Konzerts, welche 1954 in der Universität von Constantine gegeben wurde und 1994 im Label Al Sur veröffentlicht wurde.

Quellen:
www.constantine.free.fr/LaCulture/malouf.htm
https://fr.wikipedia.org/wiki/Cheikh_Raymond

Hören Sie sich die von Hervé Roten präsentierte Radiosendung an: L’art du malouf constantinois

Hören Sie sich die Playlist an: La musique de Cheikh Raymond

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