Der Gesang der sephardischen Juden

Etymologie

Sefarad bedeutet Spanien im Hebräischen. Dieses Wort bezieht sich auf die Nachkommen der Juden, die 1492 aus Spanien vertrieben wurden – und zwar nach dem Sturz des Königreichs von Granada, der der letzte Schritt der christlichen Rückeroberung (« Reconquista ») der Iberischen Halbinsel darstellte. Im erweiterten Sinne umfasst der Begriff « sepharad » die jüdischen Gemeinden der arabisch-moslemischen Ansiedlungen, unter anderem im Maghreb, auch wenn sie überwiegend nicht von den im 15. Jahrhundert aus Spanien Vertriebenen stammten, sondern von Juden afrikanischer Abstammung, die die Nachfahren von seit der Antike judaisierten Berberstämmen sind.

Per definitionem bezeichnet der sephardische Gesang die Gesänge der Juden, die aus Spanien ins Exil gingen. Diese Gesänge wurden im Laufe der Jahrhunderte in den durch jene Diaspora entstandenen Gemeinden überliefert und bereichert. Im erweiterten Sinne bezeichnen sie die profane und liturgische Musik der orientalischen Juden. 

Historische Entwicklung

Die Musik der sephardischen Juden – im eigentlichen Sinne -, das heisst derjenigen, die aus der Iberischen Halbinsel vor deren Vertreibung aus Spanien (1492) und Portugal (1497) stammen, kann nicht erforscht werden, ohne an die Bedeutung der jüdischen Kultur im mittelalterlichen Spanien zu erinnern. Zu dieser Zeit hatten die Juden durch den regen Austausch mit der arabischen Kultur ihre Aktivitäten sowohl in der Wirtschaft als auch in der Wissenschaft und in den Künsten entwickelt. In der spanischen Gesellschaft des Mittelalters bekleideten sie oft hohe Ämter, als Ärzte, Philosophen [Maimonides (1135-1204)] oder Dichter [Salomo Ibn Gabirol (etwa 1020-1057), Judah Halévi (etwa 1075-1141), etc.]. Während des ganzen Mittelalters und bis zum 15. Jahrhundert tauchen auch die Namen jüdischer Musiker auf, die an den Höfen verschiedener christlichen und arabischen Würdenträger angestellt waren. Die christlichen Könige Spaniens schätzten übrigens jüdische Musiker sehr hoch.

Im Jahre 1492 aber, am Ende eines von Verfolgungen und Zwangsbekehrungen gekennzeichneten Jahrhunderts, erliess Königin Isabella die Katholische ein Edikt zur Ausweisung aller Juden aus Spanien. 1497 erweiterte König Manuel I. von Portugal diese Massnahme auf seine eigenen jüdischen Untertanen. Die zum Exil gezwungenen sephardischen Juden fanden in protestantischen Gebieten (England, Deutschland, Vereinigten Provinzen, holländischen bzw. englischen Kolonien) und vor allem in islamischen Gebieten (Osmanischen Reich und Nordafrika) Zuflucht und nahmen dabei ihre jahrhundertealte Kultur mit, die sie weiterhin sorgfältig aufbewahrten.

So findet man heute sephardische Juden, die mehr als fünf Jahrhunderte nach der Vertreibung immer noch Judenspanisch sprechen, jene altkastilianische Sprache aus dem 15. Jahrhundert. Aber bis wann ?

Das judenspanische Repertoire

Dieses aus den spanischen Juden stammende Volk hat versucht, einen Teil der spanischen Tradition aufzubewahren, indem sie deren Sprache und Musik weiterpflegte – die hauptsächlich mündlich überliefert wurde, unter anderem das ganze Repertoire der Coplas, Romanzen und Cantigas.

Im Laufe ihres Exils wurde die Kultur der aus Spanien stammenden Juden durch die Länder, die sie durchquerten und die ihnen zur zweiten Heimat wurden, auf vielfältige Weise beeinflusst. Die  Vitalität der sephardischen Liedersammlung (Cancioneros) ist kein neues Phänomen. Die judenspanische Musik, die wir heutzutage kennen, bildet ein mosaikartiges Gefüge, in dem Geistliches und Profanes, jüdische und nicht-jüdische Motive, Altes und Neues nebeneinander bestehen.

So kann man in manchen judenspanischen Cantigas Opermelodien aus dem 19. Jahrhundert, Zarzuelas, Fox-Trott-Rhythmen, Tangos bzw. Walzer entdecken, sowie uralte spanische Texte, die abwechselnd mit modernen Übersetzungen von türkischen, griechischen bzw. italienischen Volksliedern aufeinander folgen.

Ab Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die sephardischen Gemeinden – u.a. unter dem Einfluss des Schulsystems der Alliance Israélite Universelle – auch für europäische Traditionen empfänglich, wie Kanonlieder, Blaskapellen und Musik von Music-Hall-Gruppen. Instrumentalmusik wurde sogar traditionellen Sängern vorgezogen.

Am Anfang des 20. Jahrhunderts zeigten Komponisten grosses Interesse für traditionelle Musik, deren Vielfältigkeit sie zu zahlreichen neuen Stücken inspirierte.

Die judenspanische Kultur regt so viele Projekte, Träume und Schaffensdrang an wie nie zuvor. So empfinden viele Nachfahren sephardischer Familien es als drängender Auftrag, sich alle Stücke dieses riesigen Puzzles zu eigen zu machen : Sprache, Kochkunst, Gesang, Dichtung, Literatur, und vor allem eine bestimmte Lebensart und -auffassung, eine Kunst des Zusammenlebens.

Viele Forscher haben sich dieser Seite des jüdischen Erbes zugewandt, so zum Beispiel Edwin Seroussi, Jessica Roda, Judith Cohen oder Susana Weich-Shahak, die eine hervorragende Sammlungs- und Forschungsarbeit zur Musik geleistet hat, die die judenspanischen Gemeinden aus dem orientalischen Mittelmeer in ihren verschiedenen Lebensphasen von der Geburt bis zum Tod begleitet, also Wiegenlieder, kindliche Abzählreime, Hochzeitslieder, etc.

Das Wiederaufblühen und die Erneuerung der judenspanischen Musik

In den letzten Jahren blüht judenspanische Musik wieder auf und erfährt viele Erneuerungen. Eine neue Generation von Künstlern taucht auf, die das traditionelle Gesangsrepertoire entschieden zum Wandeln bringen will. So ist elektro-sephardische Musik charakteristisch für dieses Phänomen des Aktualisierens der judenspanischen Musik, die zum allgemeinen Kulturgut wird.

Website von Joël Bresler : Sephardic Music : A century of recordings besuchen

Radiosendung Das Wiederaufblühen der judenspanischen Musik, von Hervé Roten moderiert, hören

Playlist judenspanische Gesänge hören

Playlist zur Musik der Juden aus der Türkei hören

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