Pessach

Pessach – פֶּסַח – ist eines der drei Wallfahrtsfeste im jüdischen Kalender (gemeinsam mit Schawuot und Sukkot), während welchem man den Auszug der Israeliten aus Ägypten erinnert. Es ist ein symbolträchtiges und freudiges Fest, das in allen jüdischen Gemeinden mit Musik gefeiert wird, vom ersten Pessachabend mit dem rituellen Mahl des Seders bis zum 8. Tag mit der marokkanischen Tradition der Mimouna.

Das Seder ist die rituelle Mahlzeit an Pessach, dabei liest man die Haggadah (die Erzählung vom Auszug aus Ägypten und den Vorfällen, welche dazu führten). Das Pessach-Seder wird in Israel an einem Abend gehalten, in der Diaspora an zwei Abenden (der zweite Abend wurde während des babylonischen Exils eingeführt, um jüdischen Gemeinden, die nun verstreut im Orient lebten, die Einhaltung der Feiertage nach dem auf Mondzyklen beruhenden Jüdischen Kalender zu ermöglichen, trotz der Unsicherheiten über den präzisen Monatsbeginn).

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Das Pessachfest beginnt am 15. Tag des Monats Nissan zum Sonnenuntergang und dauert sieben Tage (acht in der Diaspora), wovon nur der erste und der letzte (in der Diaspora die ersten beiden und die letzten beiden) vollständige Feiertage sind. Während Pessach auch heute reich an Riten und Bräuchen ist, kennzeichnete das Fest ursprünglich das Pessachopfer, welches jedoch seit der Zerstörung des Tempels unmöglich ist. Während der gesamten Festdauer gilt die Verpflichtung, Mazzot zu essen (ungesäuertes Brot) und keinerlei Chametz zu essen oder auch nur zu besitzen (Chametz sind gesäuerte oder hefehaltige Lebensmittel).

Bedeutung des Pessachfestes
Die Pessachfeiertage sind reich an Bedeutung. Während des gesamten Jahres gibt es Bezugnahmen auf den Auszug aus Ägypten, sei es in der Schabbatliturgie, beim Kiddusch (der Zeremonie, an Schabbat und Feiertagen die Segnung über einem Becher Wein zu sprechen) oder in Form des Anlegens der Tefillin (kleine rechteckige Gebetskapseln, die an Wochentagen von Männern beim Morgengebet getragen werden). Pessach ist ein besonders Fest, weil es das erste Fest darstellt, welches tatsächlich vom Volk Israel begangen wurde, welches erst nach seinem Auszug aus Ägypten im eigentlichen Sinne zum „jüdischen Volk“ wurde. Daneben handelt es sich bei Pessach um ein Fest mit landwirtschaftlichem Bezug, zu Beginn der Gerstenernte, welche den jährlichen Zyklus der verschiedenen Sorten einläutet.

Das Seder
Beim Seder, welches wörtlich „Ordnung“ bedeutet, wird das Programm durch die Lektüre der Haggadah vorgegeben. Zwischen den Gästen des Sedermahls entsteht dabei ein Zusammenspiel und es gibt eine starke intergenerationale Dimension. Die Idee des Festes ist es, die Bedingungen und den Gemütszustand des Auszugs aus Ägypten beim Nacherzählen zu durchleben, und dabei Gott für seine Barmherzigkeit zu danken (gesungene Lieder). In Traditionen jemenitischer oder irakischer Juden verkleiden sich Männer als Nomaden und spielen den Auszug aus Ägypten nach, mit einem Stab in der Hand und einer Mazza in einem Tuch auf die Schulter gelegt.

Die Zeremonie beginnt mit der Segnung des Tags und dem Kiddusch, bei welchem der erste von insgesamt vier Bechern Wein während des Seders getrunken wird. Danach folgt das Händewaschen, das Tunken von einem Gemüse (Karpas) in Salzwasser, Brechen der mittleren Mazza und das Zurücklegen von einem der Teile als Afikoman (welches am Ende des Seders von den Kindern gesucht wird). Die Zeremonie folgt dann der Lektüre der Haggadah. Beim Singen von Ma Nischtana („was unterscheidet?“), stellt der oder die Jüngste in der Runde dem Leitenden der Zeremonie die vier rituellen Fragen darüber, was diese Nacht von allen anderen unterscheiden. Diese Fragen sind: „Warum essen wir in dieser Nacht nur ungesäuertes Brot?“, „Warum essen wir bittere Kräuter?“, „Warum tunken wir unser Essen ein?“ und „Warum lehnen wir uns an?“ (Beim Trinken des Weines lehnt man sich nach links an, um die Freiheit zu betonen). Traditionell eröffnet „Ma Nischtana“ also den Beginn der Festlichkeiten.

Beginn des Seders – Algier Ritus – Auszug

 

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Brauch ist, dass drei Mazzot (ungesäuerte Brote) aufeinander und jeweils eingewickelt auf einen Teller gelegt werden. Der Sederteller umfasst eine Reihe symbolischer Speisen: Karpas (Gemüse oder grüne Kräuter, oftmals Sellerie oder Petersilie); etwas Salzwasser, welches an die Tränen der Kinder Israels während der Sklaverei erinnert; Maror, die bitteren Kräuter, welche die Bitterkeit des Lebens in Ägypten repräsentieren (Rettich, Chicoree, …); Charosset, eine Mischung oftmals aus Datteln, Nüssen, Äpfeln, Mandeln und Zimt, mit Wein vermengt, welche den Mörtel symbolisiert, den die israelitischen Sklaven beim Herstellen von Ziegelsteinen verwendeten; Zeroa, ein Knochen, welcher an das Pessachopfer zur Zeit des Tempels erinnert; schließlich Beiza, ein hartgekochtes Ei, in Erinnerung an die Zerstörung des Tempels.

Besonderheiten verschiedener Gemeinden
Vor allem für den ersten Teil der Haggadah finden sich verschiedene kulturelle Varianten, die auf unterschiedlichen handschriftlichen und später gedruckten Versionen basieren und dabei eine große Kreativität widerspiegeln, welche sich ebenso in der Musik findet. Jede Tradition hat ihren eigenen Piyyut (religiöse Poesie) und ihre eigene Stimmung, da jede Gemeinschaft versucht ihre Zuhörerschaft beim Begehen diese Feier besonders anzusprechen. Unterschiede bestehen auch kulinarisch, besonders bei verschiedenen Charosset-Rezepten. Jemeniten verwenden keinen Sederteller (Keara): jeder Gast bekommt einen Teller mit den verschiedenen Bestandteilen des Essens und der Sedertisch ist mit Maror-Blättern dekoriert. Verschiedene Kleidungsbräuche ergänzen in manchen Gemeinschaften die Stimmung an Sederabenden: weißes Tuch angelehnt an den Hohepriester an Jom Kippur bei den Ashkenasen, eine Djellaba in einigen nordafrikanischen Gemeinden, als „Kleidung der Freiheit“.

In Marokko gibt es den Brauch, den Sederteller über den Köpfen der Gäste herumzureichen, um die Aufmerksamkeit der Kinder und der Erwachsenen zu steigern, und um die schützende göttliche Anwesenheit zu symbolisieren, durch welche die Israeliten bei der zehnten Plage, dem Tod der Erstgeborenen, in Ägypten verschont wurden, weil sie „über ihre Häuser hinwegging“ (in diesem Sinne bedeutet Pessach, oder Pass-over, auch „darüber hinweggehen“).

Bibhilou & frühe Manishtana – Marokkanischer Ritus von Casablanca – Auszug

 

Mit dem Ziel immer alle am Sedertisch von Pessach Anwesenden zu interessieren, einzubinden und zu Fragen anzuregen, ist es Brauch, für diejenigen, die das Hebräisch oder teilweise Aramäisch der Haggadah nicht verstehen, auch die regionale Sprache zu verwenden. Zu den regionalen jüdischen Sprachen zählen das Judäo-Arabische, Ladino und Jiddisch. In manchen jemenitischen Familien singt das jüngste Kind das „Ma Nischtana“ auf arabisch und erhält im Gegenzug ein Hahnenei. Wenn bei der Lektüre der Haggada alle das berühmte „Dayenu“ singen (ein anderer Seder-Gesang, welcher „das wäre genug gewesen“ bedeutet), wird der ganze Tisch bei jeder Nennung des Wortes angehoben.

Nach dem Abschnitt der Fragen von „Ma Nischtana“ beginnt im eigentlichen Sinne die Erzählung des Auszugs aus Ägypten, besonders mit den Gebeten „Baruch haMakom“ und „Vehi sche amda“. „Baruch haMakom“ ist ein Gebet, welches sich an Gott in seiner unveränderlichen Dimension richtet. Wer auch immer man ist, wie auch immer der eigene Charakter beschaffen ist, Gott ist da, um jedem einzelnen den Sinn des Pessachfestes verstehen zu lassen, und läd dazu ein, die göttliche Dimension der Geschichte anzuerkennen. Ebenso wie bei dem Lied Dayenu, welches am Ende des Sedermahls gesungen wird, ist die grundlegende Idee diese: Was immer der Lauf der Dinge gewesen sein mag, es ist Gott, der ihn orchestriert hat und diesen Auszug aus Ägypten möglich machte.

Baroukh Hamakom – Samy Elmaghrebi – Marokkanischer Ritus – Auszug

 

Vehi Cheamda – Lied der Haggada, dir Rabbi Jean Schwartz, Laszlo Karvaly – Ashkenazi Rite – Auszug

 

Das Gebet „Vehi sche amda“, mit welchem man sich an Pessach an Gott wendet, knüpft zugleich an all die anderen Verfolgungen an, welche das jüdische Volk erlebt hat. Eine Bedeutung dieses Gebets kann es sein, den Wunsch auszudrücken, man möge alle Widrigkeiten überwinden können, so wie jene der Sklaverei in Ägypten.

Ein weiteres wichtiges Gebet während des Seders ist das Hallel, eine Textsammlung mit sechs Psalmen (113-118), ein Lobpreis Gottes für all die Wunder, die er vollbracht hat. Das Hallel wird im Allgemeinen laut von der Gebetsgemeinde gesungen, so an den drei Wallfahrtsfesten (Pessach, Schavuot und Sukkot) und an Chanukka. Es wird dann während des Morgengebets, nach dem Ende der Amidah (zentrales Gebet im jüdischen Gottesdienst) gesungen.

Beginn des Halel-Psalms – Polyphonie – Italienischer Ritus von Korfu – Auszug

 

Dayenou – Dave Tarras Swingtett – Auszug

 

All diese lebhaften Gesänge haben auch die Aufgabe, zur Teilnahme bis zum Ende des Seders anzuregen, bis zum Essen im eigentlichen Sinne, bei dem die Speisen – ebenso wie schon erwähnt die Kleidung – variieren je nach den verschiedenen Gemeinden. Die Speisen folgen aufeinander, Gefilte Fish oder Kneidlach bei den einen, Msouki (Mischung aus Gemüse, Fleisch und Mazzot) oder Fad (Mischung aus Herz, Leber, …) bei den anderen.

Das Ende des Mahls wird traditionell mit einer Reihe von drei Liedern beschlossen, welche in allen Traditionen angepasst wurden und gesungen werden. Dabei handelt es sich um „Adir Hu“, „Chad gadya“ (oder das Zicklein, es handelt sich um ein Lied in Form eines Zählreims) und „Echad mi yodea“. Das Lied „Chad gadya“ wurde von Angelo Branduardi ins Italienische übertragen, mit dem Titel „Alla fiera dell’est“ – symbolhaft für die große Anpassungsfähigkeit der jüdischen Musik an ihre Umwelt.

Artikel, der insbesondere nach der Radiosendung produziert wurde : Music from Passover seder – A journey into the musical traditions of Passover

Übersetzung aus dem Französischen von Dana Schmalz

Erfahren Sie mehr über die drei Lieder von Pessach
Hören Sie sich die Playlist ‘Chad gadya . an
Hör dir die E’had mi yodéa-Playlist an

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